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Es braucht eine ökologische Waldwende in Europa

Kommentar von Matthias Schickhofer (Strategie-Berater bei Stiftung EuroNatur, Buchautor und Fotograf, Österreich)

Die Welt starrt entsetzt auf Satellitenbilder mit tausenden Waldbränden in Amazonien. Doch auch unseren Wäldern geht es nicht gut. Klimakrise und Abholzungen nagen an den Baumbeständen: Fichtenforste brechen auf großer Fläche wegen Trockenheit, Hitze, Waldbränden und Borkenkäferbefall zusammen. In in Osteuropa lassen Gier und Korruption unsere letzten Naturwälder verschwinden.

In Deutschland hat kürzlich ein „Waldgipfel“ statt gefunden. Die Wälder dort bieten nämlich ein deprimierendes Bild: Bei Bahnfahrten in den vergangenen Wochen konnte ich kaum mehr lebende Fichten oder Kiefern ausmachen. Die Trockenheit hat zu einem Massensterben von Nadelbäumen geführt. Sogar Laubwälder (v.a. in „durchforsteten“ / aufgelockerten Beständen oder auf Trockenstandorten) schwächeln. Offenbar sind sie an so eine Hitze bzw. den Wassermangel nicht ausreichend angepaßt. Fachleute und Waldbesitzer stehen erschüttert und ratlos vor großen Kahlflächen, die einst gewinnbringende Aufforstungen waren.

Das „Waldsterben 2.0“ löst nun heftige Kontroversen aus: Ist die Hardcore-Forstwirtschaft (Kahlschläge und nachfolgende Plantagen-Aufforstungen) mitverantwortlich für die Misere? Braucht es eine ökologische Richtungsänderung? Oder reicht es, die sterbenden Fichten- und Kiefernbestände durch andere „Brotbäume“ (wie Douglasien) zu ersetzen?

Die Diskussion ist aufgeheizt und mitunter fast ein wenig hysterisch. Die Waldkrise bewegt Deutschland. Sogar der „Spiegel“ titelte damit.

Forstindustrie-Vertreter fordern Milliarden für die Borkenkäfer-Bekämpfung und für Aufforstungen mit trockenresistenten Baumarten. Manche wollen gar „alte“, naturnahe Mischwälder gezielt abholzen, weil vom Totholz angeblich Gefahr für die Wirtschaftsforste ausgeht. Naturschützern wird unterstellt, dass sie die Forstwirtschaft abschaffen wollen. Und die Bundeswehr hat Berichten zufolge schon Borkenkäfer-Bäume gesprengt.

Viele Waldökologen und NGOs reagieren auf diese Entgleisungen mit Entsetzen. Sie sehen die Baumkrise als einen ökologischen Weckruf. Statt neue Monokulturen anzupflanzen, brauche es eine ökologische „Waldwende“: Nadelholzforste sollten in Laubmischwälder umgewandelt, Kahlschläge unterbunden, kühl-schattige Mischbestände bewahrt, Naturverjüngung gefördert und die noch vorhandenen Naturwälder erhalten werden. (Die Forstwirtschaft abzuschaffen fordert aber niemand.)

Im heimatlichen Österreich ist das Thema Waldkrise hingegen eher ein Nebenschauplatz und kam im vergangenen Wahlkampf so gut wie nicht vor.

Dabei sind die Wälder Mitteleuropas von enormer Bedeutung: Ohne ausreichende Waldbedeckung drohen verheerende Wasserknappheit (Wälder sind die wichtigsten Pufferspeicher) oder Überflutungen (bei Starkniederschlägen). Im Alpengebiet führt Waldverlust zu mehr Steinschlag, Muren, Lawinen oder „Flash-Floods“ im Tal.

Die Waldverwüstung in Amazonien schockiert. Verständlicherweise.
Aber wie steht es um die natürlichen Wälder Mitteleuropas? Gehen wir mit unseren natürlichen Wäldern sorgsamer um?

Die meisten der noch übrigen Naturwälder Mitteleuropas wachsen in den Karpaten (v.a. in Rumänien) und am Balkan. Doch sie verschwinden rasant in riesigen Säge- und Spanplattenwerken. In den Wäldern Skandinaviens klaffen riesige Kahlschläge.

Auch in Österreich gibt es noch herrliche Naturwälder. Allerdings weiß niemand genau, wo sie sich befinden, weil sie nämlich noch nie umfassend kartiert wurden. Ihre Bewahrung ist daher eine eher erratische Angelegenheit. Manche wertvolle Naturwälder haben das nicht überlebt.

Im Mai 2019 hat der UN-Weltbiodiversitätsrat (IPBES) in einem Report festgestellt, dass die Erhaltung der intakten Ökosysteme ebenso überlebensrelevant ist, wie die Milderung der Klimakrise. Wälder spielen dabei eine zentrale Rolle – als Speicher von Kohlenstoff und Wasser sowie als Lebensraum für unzählige vom Aussterben bedrohte Arten. Natürliche, vielfältige und geschlossene (schattige) Wälder sind außerdem widerstandsfähiger gegen Trockenheit, Hitze und Stürme. Daher werden wir noch froh sein über jeden Quadratmeter an intaktem Naturwald, wenn die Klimakrise unsere Forste zusehends dahinrafft …

Aber: Nur mehr 4% der Wälder Europas sind in einem naturnahen Zustand. Und selbst diese kümmerlichen Reste schwinden.

In Rumänien gibt es noch mehr als eine halbe Million Hektar Natur- und Urwald. Noch. In den letzten 15 Jahren wurden bereits mehr als 100.000 Hektar Natur- und Urwald zerstört. Damit sind diese wertvollen Ökosysteme auf Jahrhunderte ruiniert. Aus den Kahlhiebssflächen entweichen dann große Mengen CO2.

Die Waldzerstörung in Rumänien (oder auch in der Slowakei) schreitet rasch voran. Besonders von den (mitunter illegalen) Einschlägen betroffen sind Nationalparks und Natura 2000-Schutzgebiete. Die NGOs EuroNatur, Client Earth und Agent Green haben daher kürzlich eine EU-Beschwerde gegen die rumänische Regierung in Brüssel eingebracht. 2018 hat der EUGH die Abholzungsorgie im polnischen Bialowieza-Natura 2000-Gebiet nach einer ähnlichen Beschwerde gestoppt, weil das EU-Recht Verschlechterungen für geschützte Habitate und Arten in diesen EU-Schutzgebieten verbietet. Die Umsetzung von Natura 2000 im Forstbereich ist in vielen EU-Staaten mangelhaft.

Nun gerät ausgerechnet der „Klimaschutz“ mit dem Waldschutz in Konflikt: Biomasse-Verbrennung als Ersatz für fossile Brennstoffe gilt als „erneuerbarer Energieträger“. Unsere letzten Naturwälder (v.a. in Osteuropa) leiden unter dem zunehmenden Abholzungsdruck, weil nun auch „schlechtes“ Holz aus alten Wäldern viel Geld wert ist.

Während langlebige Holzprodukte oder die energetische Nutzung von Pflanzenabfällen durchaus hilfreich in der Klimakrise sein können, zweifeln viele Experten jedoch die „Klimaneutralität“ des Verbrennens von Bäumen stark an.
Eine aktueller Report der EASAC (Verband der Europäischen Akademien der Wissenschaften) findet deutliche Worte: Verbrennung von Holz-Biomasse sollte nicht als „erneuerbare Energiequelle“ in Klimaberechnungen berücksichtigt werden, weil es kurzfristig nicht klimaneutral sei. Es dauert demnach zu lange bis die CO2-Emissionen aus der Holzverbrennung wieder durch nachwachsenden Wald re-absorbiert werden.

Laut Pariser Klimaabkommen müssen wir bis 2050 Klima-Neutralität erreichen. Je nach Alter der verbrannten Wälder dauert es Jahrzehnte bis Jahrhunderte bis die beim Verbrennen emittierte Kohlenstoffmenge wieder in Bäumen und Böden gebunden ist.

Die schwedischen Professoren Göran Englund, Stig-Olof Holm, Bengt-Gunnar Jonsson und David van der Spoel veröffentlichten kürzlich einen aufsehenerregenden Text in der Tageszeitung „Dagens Nyheter“: Die Forstwirtschaft könne zwar langfristig als kohlendioxidneutral gesehen werden, kurzfristig nütze das aber nichts. „Heute und kurzfristig spielt es keine Rolle, ob das Kohlendioxid aus fossilen Brennstoffen oder aus Biokraftstoffen stammt.“ Ihren Berechnungen zufolge würden die Klima-Auswirkung der schwedischen Holzernte eines Jahres (mit anschließendem Verbrauch) 13-mal höher als die Emissionen aller Flüge bzw. 8-mal höher als die gesamten Emissionen des Straßenverkehrs in Schwedens sein.

Werbeaussagen der Forstindustrie, wonach nur „bewirtschaftete Wälder“ segensreich für den Klimaschutz sein sollen, dürften daher eher ins Reich der alternativen Fakten zu verweisen sein. (Hoffentlich hat Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro diese Werbeinserate nicht bemerkt, sonst muss noch mehr „unbewirtschafteter“ Amazonaswald daran glauben…)

Die Klimakrise hat die Forstwirtschaft also erreicht.

Bei „FridaysForFuture“ marschierten kürzlich auch Mitglieder des Bundes Deutscher Forstleute mit. Das ist gut.

Bis zur einer umfassenden ökologischen Waldwende ist es aber noch ein längerer Weg. Die bevorstehende Regierungsbildung in Österreich bietet jedoch die Chance, das forstliche Ruder in Richtung naturnahe Waldbewirtschaftung und Naturwaldschutz herum zu reißen: Die ökologische Waldwende muss im nächsten Regierungsprogramm deutlich verankert werden.
Es bleibt zu hoffen, dass den politischen Verhandlungsteams klar ist, dass es sich hier um ein „systemrelevantes“ Thema und nicht um Liebhaberei handelt. Hier geht es auch nicht um Ideologie, sondern um Überlebensfragen für unsere Kinder.

Ökologisches Krisengebiet: Kahlfläche nach Räumung einer naturfernen Fichtenkultur mit Borkenkäferbefall (Niederösterreich).
Klimakrise im Forst: Borkenkäferlarven in einem Fichtenbestand (Österreich).
Tod durch Hitze und Dürre: Forstkulturen brechen flächig zusammen. Falsche Baumarten-Bestockung vor 50-100 Jahren rächt sich.
Naturnahe Waldbewirtschaftung (Österreich): Ungleichaltrige, angepasste Mischbestände. Verjüngung mit Tanne und Laubbaumarten. Dauerhafte Waldbedeckung…
Artenreiche, vielfältige, strukturierte, beschattete Naturwälder: Die „echten“ Wälder Europa’s sind widerstandsfähiger gegen Klimastressoren. Wir werden sie in Zukunft noch alle brauchen…

Rumänien: Neue Analyse enthüllt riesigen bedrohten Natur- und Urwaldschatz

EuroNatur und Agent Green: Europa muss seine Hausaufgaben machen und die Waldzerstörung in Rumänien stoppen

Während Europa über die Waldzerstörung im Amazonasgebiet schockiert ist, verschwinden die größten Naturwälder Mitteleuropas in Rumänien aufgrund massiver und außer Kontrolle geratener Abholzungen. Die EuroNatur Stiftung legt nun eine umfassende Bestandsauf-nahme der wertvollen Waldbestände Rumäniens vor: PRIMOFARO (PRIMary and Old growth Forest Areas of ROmania). Die Ergebnisse sind vielversprechend – und alarmierend zugleich: Rumänien beherbergt immer noch mehr als 525.000 Hektar an Natur- und Urwäldern – mehr als jeder andere EU-Mitgliedsstaat (außerhalb Skandinaviens). Die Analyse zeigt aber auch, dass die Wald-zerstörung schnell voranschreitet.

Zumindest auf dem Papier sind zwei Drittel – mehr als 330.000 Hektar – der rumänischen Natur und Urwälder geschützt, denn sie sind bereits Teil des EU-Natura-2000-Netzwerks (das beinhaltet auch alle Nationalparks). Die meisten dieser Wälder sind trotzdem nicht wirksam geschützt. Nur 6 Prozent der potenziellen Ur- und Naturwälder sind bisher im rumänischen „Nationalen Katalog der Urwälder“ gelistet. Dieses Programm gewährt nur jenen Wäldern Schutz, die engste Urwald-Kriterien erfüllen. Andere natürliche Wälder bleiben schutzlos. Infolgedessen sind Abholzungen auch in Natura 2000-Gebieten und Nationalparks allgegenwärtig. PRIMOFARO zeigt außerdem, dass fast 50 Prozent der Urwälder Rumäniens, die im Jahr 2005 im Rahmen einer umfassenden Urwald-Inventur identifiziert wurden, inzwischen abgeholzt oder degradiert wurden.

„Wir haben versucht, sämtliche Wälder mit herausragender Bedeutung für die biologische Vielfalt und für den Klimaschutz zu identifizieren. Dabei haben wir auch wertvolle Naturwälder kartiert, die über die enge Definition von Urwald hinausgehen. 8 Prozent der rumänischen Wälder sind noch in einem sehr natürlichen Zustand. Sie sind gewissermaßen das europäische Äquivalent des Amazonas-Waldes. Daher verdienen sie einen umfassenden Schutz“, betont PRIMOFARO-Mitautor Matthias Schickhofer.

„Europa muss zusammenarbeiten, um das außerordentliche Naturerbe Rumäniens zu bewahren. Wir erwarten, dass Rumänien EU-Recht respektiert und die Natura 2000-Gesetzgebung uneingeschränkt umsetzt: Natura 2000-geschützte Naturwälder auf Staatsgrund müssen sofort durch Maßnahmen der Regierung geschützt werden. Für private Natur- und Urwaldgebiete sind finanzielle Entschädigungen, die auch durch die EU gefördert werden müssen, unabdingbar“, sagt Gabriel Schwaderer, Geschäftsführer der EuroNatur Stiftung.

„Während die rumänische Regierung Experten und Naturschützer mit bürokratischen Schikanen in Verbindung mit dem ‚Nationalen Katalog der Urwälder‘ beschäftigte, wurden zehntausende Hektar Naturwald in Natura 2000-Gebieten und Nationalparks zerstört. Die EU-Gesetzgebung verpflichtet uns aber, alle Wälder in gutem Erhaltungszustand zu schützen – und nicht nur einige klei-ne Urwald-Museen“, erklärt Gabriel Paun, Präsident von Agent Green.

Die EuroNatur Stiftung und Agent Green fordern die Europäische Union und Rumänien auf, drin-gend Maßnahmen zu ergreifen, um dieses „europäische Äquivalent des Amazonas-Waldes“ zu retten und sicherzustellen, dass die Natura 2000-Gesetzgebung in Rumänien durchgesetzt wird. Erst am 10. September 2019 haben EuroNatur, Agent Green und Client Earth eine EU-Beschwerde über systematische Verstöße des rumänischen Staates gegen EU-Rechtsvorschriften im Forstsektor eingereicht.
Hintergrundinformation
Der Link zur Studie: PRIMOFARO Studie

Die Ergebnisse des PRIMOFARO-Inventars:
– Die digitale Karte von PRIMOFARO zeigt den größten Naturwaldschatz (Ur- und Naturwälder) in der EU außerhalb Skandinaviens: 525.632 Hektar an unberührten oder sehr naturnahen Wäldern, die viele streng geschützte Arten beherbergen.
– 332.844 Hektar (63 Prozent) des PRIMOFARO-Inventars befinden sich in Natura-2000-Gebieten. 81.716 Hektar davon stehen zusätzlich als Nationalpark unter Schutz. Auch in diesen Schutzgebieten sind Naturwälder nicht sicher vor Abholzungen.
– Allerdings sind nur noch 116.589 Hektar (oder 55 Prozent) der Flächen, die 2005 im Rahmen der sogenannten Pin Matra-Urwald-Inventur identifiziert wurden, noch in einem intakten Zustand.

Methodik von PRIMOFARO:
Die digitale Landkarte von PRIMOFARO basiert auf detaillierten visuellen Analysen von Satellitenbildern, wobei wissenschaftlich fundierte Kriterien zur Unterscheidung zwischen natürlichen Waldbeständen und Produktionswald herangezogen wurden.

Die Analysen wurden anhand von Bildern von Beispielgebieten und im Rahmen etlicher Gebietsbesuche (über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren) überprüft. Außerdem wurden Daten aus Partnerprojekten zur Urwaldforschung und -kartierung herangezogen:
– Urwaldforschungsprojekt „REMOTE“ unter Leitung der Universität Prag
– Urwaldkartierungsprojekt unter Leitung der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg (finanziert durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt).

Die Ergebnisse wurden während mehrerer Exkursionen und durch eine Evaluierung der digitalen PRIMOFARO-Karten anhand historischer CORONA-Satellitenbilder validiert. Bei CORONA handelt es sich um inzwischen freigegebene Spionagebilder, die von den USA in den 1960er Jahren erstellt wurden. Nur 2 Prozent der ursprünglichen Datensätze wiesen in den 1960er Jahren Anzeichen von Nutzungen auf (Straßen, Kahlhiebsflächen). Diese Polygone wurden von der digitalen PRIMOFARO-Karte ausgeschlossen.

Bisher konzentrierte sich das rumänische Waldschutzprogramm („Nationaler Katalog der Urwälder“) ausschließlich auf den Schutz von Urwäldern, die qua Ministerialverordnung mit sehr eng gefassten Kriterien definiert wurden. Diese Kriterien werden sehr restriktiv angewandt und der Einschreibungsprozess verläuft skandalös langsam. Dies führt dazu, dass zahlreiche Natur- und Urwälder vom Schutz ausgeschlossen bleiben und sogar viele Urwälder internationaler Bedeutung nach wie vor nicht geschützt und akut vom Holzeinschlag bedroht sind.

Hinzu kommt, dass die EU-Naturschutzrichtlinien die Schutzverpflichtungen nicht auf Urwälder beschränken. Die Habitat- und die Vogelschutzrichtlinie verpflichten die EU-Mitgliedsstaaten, jede erhebliche Verschlechterung von Lebensräumen in einem gutem Erhaltungszustand zu unterbinden. Rumänien ignoriert oder umgeht diese EU-Verpflichtungen weitgehend.

Urwald und Naturwald:
Das PRIMOFARO-Inventar umfasst Urwälder (inklusive der Flächen, die im rumänischen Urwald-Katalog eingeschrieben sind), aber auch Naturwälder, die wahrscheinlich nur sehr geringfügig oder schon vor langer Zeit vom Menschen beeinflusst wurden. Sowohl Natur- als auch Urwälder beherbergen eine reiche Artenvielfalt (etwa: Eremiten-Käfer, Alpenbock-Käfer, Fledermäuse, Spechte, Eulen, Auerhähne, Bären, Luchse usw.) und binden große Mengen an Kohlenstoff.

Validierung der digitalen Naturwald-Karte von PRIMOFARO mit historischen Satellitenbildern (US Army, CORONA, 1060-er Jahre).
Fagaras Gebirge: Die größte Konzentration von Natur- und Urwäldern in Rumänien.
Viele wichtige Natur- und Urwälder in Rumänien sind noch immer nicht geschützt. Wie das Urwaldtal von Boia Mica – eines der herausragendsten Naturwunder Europas.

EU-Beschwerde gegen Rumäniens Regierung wegen anhaltender Urwald-Abholzungen

++ Mitteleuropas größte Urwälder werden illegal abgeholzt ++ Dringender Appell an Europäische Kommission ++

Die Naturschutzorganisationen EuroNatur, Agent Green und ClientEarth heben ihren Kampf gegen illegale Fällungen von Urwäldern in Rumänien auf die nächste Ebene, indem sie bei der Europäischen Kommission eine Beschwerde gegen die rumänischen Behörden einbringen. Ihr gemeinsames Ziel ist das Ende der mutwilligen Zerstörung von natürlichen Waldlandschaften, die mehr als zwei Drittel der unberührten Wälder in der EU außerhalb Skandinaviens ausmachen.

Die Organisationen bringen vor, dass die rumänischen Staatsforsten Romsilva Kahlschläge in geschützten Natura 2000-Gebieten durchführt, ohne die Auswirkungen auf diese einzigartigen Gebiete angemessen zu untersuchen. In manchen Fällen werden die Umweltverträglichkeitsprüfungen, die schon im Vorfeld bei der Planung von Baumfällungen stattzufinden haben, erst Jahre nach Beginn der Abholzungen durchgeführt.

Naturschutzjuristin Ewelina Tylec-Bakalarz von ClientEarth sagt: „Systematische Abholzungen in Natura 2000-Gebieten ohne entsprechende Prüfung der Auswirkungen sind eine klare Verletzung von EU-Recht. Dieses Problem ist in Rumänien weit verbreitet und daher bringen wir den Fall jetzt vor die Europäische Kommission.“

Romsilva verwaltet 22 von Rumäniens 29 National- und Naturparks. Alle diese Gebiete sind Teil des Natura 2000-Netzwerks gemäß den Bestimmungen der FFH- und der Vogelschutzrichtlinie der EU. Rechtsexperten stellen jedoch fest, dass die staatlichen Forstbetriebe oftmals die Rechtsvorgaben der EU für den Schutz solcher Gebiete nicht einhalten.

Gabriel Schwaderer, Geschäftsführer von EuroNatur, betont den größeren Rahmen des Problems: „Wenn weiterhin ohne Konsequenzen zugelassen wird, dass in Rumänien EU-Recht gebrochen wird, dann wird das gesamte System von Natura 2000 geschwächt. Die derzeit in Rumänien stattfindende Naturschutztragödie ist eine der drängendsten Umweltkrisen in Europa, wird aber viel zu wenig beachtet.“

Tylec-Bakalarz ergänzt: „Der Fall des Bialowieza-Urwalds in Polen hat bewiesen, wie wirkmächtig das Europäische Recht sein kann, um die Naturschätze unseres Kontinents zu schützen. Wir hoffen, dass die Europäische Kommission auch im Fall der rumänischen Wälder aktiv wird, bevor die Schäden an diesen einzigartigen Ökosystemen irreversibel sind.“

Hintergrundinformationen (mehr Info siehe unten):
EuroNatur und Agent Green haben gemeinsam die Kampagne „SaveParadiseForests“ zum Schutz der rumänischen Urwälder ins Leben gerufen. Die international tätigen Anwälte von ClientEarth unterstützen den Kampf für die Paradieswälder mit ihrer juristischen Expertise.

 

Riesiger Kahlschlag im rumänischen Natura 2000-Gebiet der Fogarascher Berge. Die Zerstörung dieses Waldes im Ucea Mare-Tal begann im Jahr 2013 – mehr als fünf Jahre, nachdem Rumänien 2007/2008 seine Natura 2000-Gebiete eingerichtet hatte.

Wahrscheinlich der wertvollste Urwald Mitteleuropas: Pfadloses Boia-Mica-Tal im rumänischen Natura-2000-Gebiet Fagaras-Gebirge mit einigen der ältesten Bäume des Landes. Dieses unberührte Tal ist derzeit nicht vor Abholzungen geschützt.

 

Background Briefing – Romania forests.

Complaint to the European Commission prepared by Agent Green, ClientEarth and EuroNatur, Sept. 10, 2019

Background:
Romania hosts the largest natural and virgin forests in the EU outside Scandinavia which are home to numerous species protected by EU Habitats and Birds directives. A high proportion of these species (such as saproxylic beetles, bats, owls, woodpeckers or forest cocks) depend on presence of old trees and standing and lying dead wood, which can only be found in unmanaged areas or very close to them. A large proportion of these high biodiversity value forests are located within Natura 2000 sites. Logging in Romania’s Natura 2000 sites areas has had a severe and widespread impact on natural forests with a protected conservation status.
Logging permissions in Romania are based upon forest management plans (FMPs), which have to be approved by the Ministry for Water and Forests every 10 years. There is clear evidence, that in many cases these plans have not been subject to sufficient environmental assessments required by law.
There are two environmental assessments which should be conducted prior to adoption of FMPs:

Strategic Environmental Assessment (SEA)
Based on the SEA Directive this assessment is required for a wide range of public plans and programmes. It is mandatory for plans and programmes which are prepared, among others, for forestry and which set the framework for future development consent of projects listed in the EIA Directive. The aim of the SEA is to ensure that plans and programmes take into consideration the environmental effects they cause. 

Assessment under the Habitats Directive
Article 6(3) of the Habitats Directive requires that any plan or project not directly connected with or necessary to the management of a Natura 2000 site but likely to have a significant effect thereon, either individually or in combination with other plans or projects, shall be subject to appropriate assessment of its implications for the site in view of the site’s conservation objectives.
The focus of the assessment under the habitats Directive is specifically on the species and/or the habitats for which the Natura 2000 site is designated. An appropriate assessment should lead competent national authorities to agree to a plan only if they can ascertain that it will not adversely affect the integrity of the site concerned.
Lack of assessment under the Habitats Directive is particularly harmful in the context of logging in Romanian forests which are home to a number of protected species, including black stork which is protected under EU law.

The NGOs who authored the complaint to the European Commission identified several forest administrations, both under management of the Romanian forest authority Romsilva and under private administration, who apply national legislation in a manner which means that environmental assessments are not carried out until some considerable time (in some cases years) after logging has taken place: OS Baia de Aramă, OS Lerești, OS Spinu Podeni, OS Scara Mâzgavu, OS Tismana, OS Poieni, OS Padeș, OS Băile Herculane, OS Avrig, OS Izvoru Florii, OS Boișoara, OS Alpina Borșa, OS Lupeni, OS Făgăraș. In these areas activities under the FMPs (logging, selling the forest etc.) started well before the environmental assessments, which is indicative of a systemic problem in Romania.

The European Commission has a power, under Article 258 of the Treaty on the Functioning of the EU, to take formal action against Member States who breach or fail to properly implement EU law. This action, known as “infringement proceedings”, allows the Commission to require the Member State to remedy the breach, and ultimately to take the Member State to court if the matter is not resolved. The present complaint has been submitted to DG Environment for them to assess whether a formal infringement procedure should be opened against Romania.

Conclusions:
Romania hosts the largest natural and virgin forest heritage within the temperate climate zone of the EU but the lack of effective strategic environmental assessment and appropriate assessment puts these forests in danger. These areas, constituting two-thirds of Europe’s last virgin forests, are being systematically logged and no national remedies appear to be able to prevent this logging.

Legal action in a similar case –  Bialowieza forest in Poland – has been brought before the CJEU which, in its ruling of 17 April 2018, found that the Government of Poland has failed to fulfil its obligations to protect the forest and ordered the immediate repeal of illegal logging permit. Meanwhile, Romanian law allows the systematic logging inside Natura areas without any assessment.
By continuing logging, Romania is not only violating EU and international legislation but also destroying some of Europe’s last virgin forests.