Schutz-Gesetze

Begrenzte Wirkung: Bisherige Urwaldschutz-Maßnahmen in Rumänien

Es gab in den letzten Jahren mehrerer  Versuche des Gesetzgebers in Rumänien die verbliebenen Urwälder zu schützen. Leider haben alle diese gesetzlichen Maßnahmen bislang nicht zu ihrem umfassenden Schutz geführt.

Das Rumänische Waldgesetz (2008):

Artikel. 26 (keine amtliche Übersetzung): Die Erhaltung der Biodiversität der Waldökosysteme impliziert Maßnahmen der nachhaltigen Bewirtschaftung durch intensive Bearbeitungsweisen, die die natürliche Regeneration der Arten  fördern, und indem sie Urwälder und Quasiurwälder bewahren.

Diese sehr vage Formulierung wurde 2015 in einer Version des Waldgesetzes geändert:

Artikel. 26 (3) Die Urwälder und Quasiurwälder werden streng geschützt und werden in den „Nationalen Katalog der Urwälder und Quasiurwälder“ aufgenommen, der durch die Zentrale Öffentliche Forstbehörde als Instrument für die Aufnahme und Verwaltung  der wertvollen Wälder aufgebaut wird. Um den außergewöhnlichen Wert anzuerkennen und den Schutz langfristig zu gewährleisten, werden die Urwälder und Quasiurwälder, entweder als UNESCO-Weltnaturerbe bzw. in wissenschaftliche Reservate aufgenpmmen und / oder sie werden in den streng geschützten Bereichen der National- oder Naturparks bewahrt.

Der Ministerialerlass Nr. 3397 (vom 10.09.2012) definierte die Kriterien und Indikatoren für die Identifizierung und den Schutz der Urwälder und Quasiurwälder.

Diese Verordnung legte fest, dass Urwälder und Quasiurwälder in den Waldbewirtschaftungsplänen in der funktionellen Kategorie 1.5o (Quasiurwälder) bzw. dem funktionellen Typ I – (TI, Urwälder) gruppiert werden – was  (theoretisch) bedeutet, dass eine Waldbewirtschaftung nicht mehr erlaubt ist.

Die Verordnung besagte auch, dass jene Urwälder, die im Rahmen der Studie „Inventar und Strategie der nachhaltigen Bewirtschaftung und des Schutzes der Urwälder in Rumänien – Project Pin – Matra / 2001/018 (durchgeführt von der Niederländischen Königlichen Gesellschaft für Naturschutz in Zusammenarbeit mit dem rumänischen Waldforschungsinstitut ICAS) identifiziert wurden, nicht mehr geerntet werden dürfen, auch wenn sie in den 10-Jahres-Managementplänen zur Holzernte vorgesehen sind. Holzentnahme ist nur mit einer Genehmigung der jeweiligen Forstinspektoren möglich, wenn diese feststellen, dass die Urwald-Kriterien nicht mehr erfüllt sind.

In anderen Worten: Der Ministerialerlass Nr. 3397 verbietet die Abholzung von Wäldern, die durch die Pin-Matra-Inventur als Urwälder identifiziert worden waren – es sei denn die Forstbehörde bescheinigt, dass der Urwald nicht mehr intakt ist.

Dieses Defacto-Moratorium wurde aber weitgehend ignoriert. Ein Grund dafür war das Fehlen einer Kompensationsregelung für private Waldbesitzer. Etliche Eigentümer bekämpften die Schutzmassnahmen infolge vor Gericht und wehrten sich gegen die  vermeintliche „Enteignung“. Der andere Grund ist: rechtswidriges Verhalten von Forstverwaltungen (einschließlich staatlicher und kommunaler Wälder) und Einrichtungen der Forstbehörde.

Fazit: die Urwald-Abholzungen gingen auch nach 2012 massiv weiter…

Der „Nationalen Katalog der Urwälder und Quasiurwälder“ soll die Urwälder des Landes unter Schutz bringen, entwickelt sich aber nur sehr langsamen. Die Kartierungsarbeiten für den Katalog werden zur Gänze NGOs und freiwilligen Waldexperten überlassen. Die haben aber nur begrenzte Kapazitäten.
In der Zwischenzeit wird in vielen Urwäldern weiter geholzt…

Alle potenziellen Primärwälder, die für den Urwald-Katalog eingereicht werden, müssen durch Fachgutachten dokumentiert werden – die detaillierte Informationen über Waldökologie, Forstparzellen und Besitzer enthalten müssen. Sobald eine solche Studie an die örtlichen Forstbehörden übermittelt wird, tritt ein temporäres Abholzungs-Verbot für den betreffenden Waldstandort in Kraft. Dann wird die Urwaldverdachtsfläche durch eine behördliche Kommission geprüft.

Allerdings gibt es keinen garantierten öffentlichen Zugang zu diesen forstlichen Informationen. 2016 berichteten mehrere NGOs aund Experten, dass Forstverwaltungen und Forstbehörden die Kooperation verweigerten oder schlichtweg nicht auf Anfragen reagierten. Infolgedessen konnten die Studien nicht rechtzeitig vor der Winterpause 2016 abgeschlossen werden (in der Zeit zwischen Oktober 2016 – Februar 2017 wurden von den Behörden keine Urwald-Gutachten angenommen). Diese Wälder sind jetzt nicht geschützt und können jederzeit abgeholzt werden.

Die Regelungen zum Schutz der Primärwälder im „Nationalen Katalog der Urwälder“ sind teilweise unklar und beinhalten potenzielle Schlupflöcher. So sind nach wie vor forstliche Massnahmen erlaubt, wenn sie dem Forstgesetz entsprechen – was theoretisch sogar Einschläge in Urwäldern  in strengen Schutzgebieten ermöglicht (Artikel 10)…

Die Kriterien für die Identifizierung von Urwäldern und Quasiurwälder für den Katalog sind partiell so streng formuliert, dass sie potentiell Schutzbestrebungen untergraben und Waldbesitzern und (unwilligen) Forstbehörden eine Handhabe geben, Urwaldschutz zu torpedieren: Der Ministerialerlass Nr. 3397 definierte die Kriterien so strikt, dass etliche wertvolle Waldgebiete  zwangsläufig vom Urwaldkatalog ausgeschlossen werden. Das „häufige Vorhandensein von Totholz“ etwa ist kein wissenschaftlich sinnvolles Muss-Kriterium für die Einstufung eines Waldes als „Urwald“. Ob es viel Totholz in einem Wald gibt, hängt von dessen Waldtyp, Standort und Geschichte ab. Nach einer flächigen Störung, etwa einem Windwurf, kann ein homogener, gleichaltrigenr Wald entsteht, der nach eine gewissen Zeit kein Totoholz mehr aufweist. Optisch ähnelt das möglicherweise einem Wirtschaftswald, ökologisch ist es aber ein höchst schützenswerter Urwald…

Auch das Muss-Kriterium: „natürliche Grenze“ ergibt als Ausschliessungskriterium keinen höheren ökologischen Sinn.  Sicher, wenn es derartige natürliche Grenzen gibt (etwa ein Fluss, Bergrücken, Felswand usw.), dann ist das von Vorteil, weil es den Wald abgrenzt und schützt. Andererseits weist aber kein einziger der streng geschützten Urwälder bzw. Naturwälder in Deutschland, Österreich oder der Schweiz durchgehend derartige „natürliche Grenzen“ auf. Würde die rumänische Bestimmung also in diesen Ländern  angewendet werdem, wäre keiner der letzten alten Wälder in diesen Ländern unter Schutz…

Urwald im Fagaras Natura 2000 – Gebiet: Dieser Zauberwald wurde 2005 als Urwald kartiert, wird aber trotzdem seit einigen Jahren sukzessive zerstört.