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Appell an EU-Gipfel in Sibiu: Ökosystemkrise bekämpfen, rumänischen Waldschatz retten!

Naturschützer fordern in offenem Brief an EU-Regierungschefs konsequenten Urwaldschutz in Rumänien

++ Abschlusskonferenz des Weltbiodiversitätsrates bestätigt, wie ernst die Situation der biologischen Vielfalt ist ++ Eine der dringendsten Maßnahmen ist der Schutz alter Wälder ++ EuroNatur und Agent Green fordern die EU-Regierungschefs auf, die Urwälder in Rumänien endlich konsequent zu schützen ++

Anlässlich des am 9. Mai 2019 im rumänischen Sibiu stattfindenden EU-Gipfels machen die international tätige Naturschutzstiftung EuroNatur und ihre rumänische Partnerorganisation Agent Green auf das Naturschutzdrama in den Karpaten aufmerksam. In einem offenen Brief fordern sie die Regierungschefs der Europäischen Union auf, den anhaltenden Raubbau an Rumäniens Urwäldern auf die Agenda des Treffens zu setzen und sich für einen Stopp der Kahlschläge einzusetzen.

„Seit dem Beitritt Rumäniens zur Europäischen Union sind fast die Hälfte der bisher bekannten Primärwälder im Land abgeholzt worden. Die Kahlschläge machen auch vor Schutzgebieten keinen Halt. All das geschieht vor den Augen der rumänischen Regierung und der Europäischen Union“, sagt Gabriel Schwaderer, Geschäftsführer von EuroNatur.

Im Abschlussbericht des IPBES (Intergovernmental Platform on Biodiversity and Ecosystem Services, kurz: Weltbiodiversitätsrat), der am 6. Mai in Paris präsentiert wurde, machten die Wissenschaftler noch einmal deutlich, wie schlecht es um die biologische Vielfalt auf unserem Planeten steht. Sie sind sich einig darin, dass das Artensterben längst nicht mehr nur ein ökologisches Problem ist, sondern ganze Ökosysteme instabil werden und damit auch die Grundlage für Nahrung, sauberes Wasser und frische Luft gefährdet ist. Dem Schutz von Ur-, bzw. sehr naturnahen Wäldern wird von zahlreichen renommierten Wissenschaftlern eine große Priorität eingeräumt.

Riesenkahlschlag im Natura 2000 Gebiet Fagaras Gebirge. Der neue Bericht des Weltbiodiversitätsrat warnt für den Folgen der Waldzerstörung…

Beschwerde gegen rumänische Regierung bei Aarhus-Konvention und EU-Kommission wegen Abholzungsdesaster

Brasov, Rumänien (8. April 2019) – Die Umweltjuristin von Agent Green kündigte im Rahmen einer Pressekonferenz in Brasov die Einleitung von Beschwerden gegen die rumänische Regierung an.  Die Pressekonferenz fand zeitgleich mit der Konferenz der EU-Umweltdirektoren statt – vor dem Hoteleingang. Grundlage für die Beschwerden sind stichhaltige Beweisen für Verstöße gegen EU-Recht im Zusammenhang mit den dramatischen Abholzungen in den Naturwäldern Rumäniens. In den Beschwerden werden systemische Vergehen Rumäniens aufgezeigt: Forstmanagementpläne einschließlich der Holzeinschlags-Genehmigungen in Natura 2000-Gebieten wurden nämlich standardmäßig ohne Umweltprüfungen und ohne öffentliche Konsultationen genehmigt. Die formelle Beschwerde wird bei der Europäischen Kommission und dem Aarhus Compliance Committee eingereicht.

Die Pressekonferenz fand vor dem Gebäude statt, in dem sich die 28 Naturschutz-Direktoren EU während der rumänischen EU-Präsidentschaft trafen. Die Beamten wurden von Agent Green Aktivisten mit Protestbannern begrüßt und dazu eingeladen, ein Video anzusehen, das die anhaltende Zerstörung von Naturwäldern in Natura 2000 EU-Schutzgebieten belegt. Das Filmmaterial widerspricht klar der Behauptung der rumänischen Regierung, dass alle Gesetze und Vorschriften in den Wäldern Rumäniens eingehalten werden. Die Delegierten und Journalisten konnten aktuelle Flugaufnahmen von riesigen Kahlschlägen im nahe gelegenen Natura-2000-Gebiet Fagaras-Gebirge sehen, die sich über ganze Berghänge erstrecken.

Dezastrul din Munții Făgăraș from AGENT GREEN on Vimeo.

Nach den Bestimmungen der EU-Habitat- und Vogelschutz-Richtlinien sind erhebliche Verschlechterungen für bedrohte Lebensräume und Arten von EU-Natura 2000 Gebieten verboten. Um Schäden für die Schutzgüter zu vermeiden, müssen vor der Umsetzung von „Plänen oder Projekten“ fundierte Umweltprüfungen durchgeführt werden. Nur wenn ein Risiko für gelistete Lebensräume und Arten ausgeschlossen werden kann, darf die Behörde Genehmigungen ausstellen.

„Die rumänische Regierung hat Forstmanagementpläne in Natura-2000-Gebieten genehmigt, noch bevor strategische Umweltprüfungen durchgeführt wurden und entsprechende Beurteilungen der Auswirkungen von Einschlägen gemäß der europäischen Gesetzgebung vorlagen bzw. bevor es naturschutzrechtliche Genehmigungen des Umweltministeriums gab,“ sagte die rumänische Umweltjuristin Catalina Radulescu, die mit Agent Green in dieser Causa zusammenarbeitet.

Die Genehmigung der Forstmanagementpläne vor Durchführung von Umweltverträglichkeitsprüfungen und ohne öffentliche Anhörung verstößt auch gegen die Aarhus-Konvention, die den Zugang zu Informationen, die Öffentlichkeitsbeteiligung an Entscheidungsverfahren und den Zugang zu Gerichten in Umweltangelegenheiten regelt. Demnach müsste vor jeder umweltrelevanten Entscheidung eine öffentliche Anhörung stattfinden – und nicht erst nach der Genehmigung eines Plans oder Projektes.

„Wir fordern die EU-Kommission und das Aarhus Compliance Committee auf, dies in einem schnellen und klaren Vorgehen gegen Rumänien klarzustellen, um den fortschreitenden großflächigen Holzeinschlag in vielen der wertvollsten Natur- und Urwaldbestände Europas innerhalb von Natura 2000-Gebieten zu beenden,“ betonte Catalina Radulescu.

Rumänien beherbergt das größte natürliche und teilweise unberührte Waldnaturerbe innerhalb der gemäßigten Klimazone der EU. Mehrere Hunderttausend Hektar dieser Wälder mit hohem Schutzwert befinden sich in Natura 2000-Gebieten, sind aber nicht ausreichend geschützt. So arbeiten Agent Green und die in Deutschland ansässige Stiftung EuroNatur zusammen, um das systemische Versagen der rumänischen Regierung bei der ordnungsgemäßen Umsetzung des Schutzgebietsnetzes Natura 2000 aufzuzeigen.

Die rumänische Regierung verweigert allerdings den Zugang zu relevanten Umweltinformationen. Das bedeutet, dass die Organisationen bisher keine Möglichkeit hatten, harte Beweise für jene systemische Missachtung der EU-Gesetze zu liefern, die in vielen der rumänischen Natura-2000-Gebiete mit freiem Auge erkennbar eindeutig erkennbar sind. Aus diesem Grund konnte bisher keine formelle Beschwerde wegen Verstößen gegen Natura 2000 bei der Europäischen Kommission eingereicht werden.

„Die Zerstörung der alten und unberührten Wälder Rumäniens ist auf Satellitenbildern und vor Ort deutlich sichtbar. Um eine Beschwerde einreichen zu können, ist es aber notwendig, einen dokumentierten Nachweis zu erbringen, dass Verstöße gegen die Naturschutzrichtlinien vorsätzlich und andauernd sind. Die rumänische Regierung beschränkt jedoch den Zugang zu relevanten Umweltinformationen, die der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollten. Die rumänische Justiz unterstützt dieses Verhalten. So führen wir derzeit 32 Gerichtsverfahren durch, nur um Zugang zu den Waldwirtschaftsplänen zu erhalten. Der Zugang zu diesen Dokumenten ist der Schlüssel und wichtig zur Überprüfung der Übereinstimmung der Forstbewirtschaftungspläne mit den Natura 2000-Bewirtschaftungsregelungen zur Erhaltung der aufgeführten zu schützenden Lebensräume und Arten. Da das Gericht in einigen Fällen entschieden hat, diese Informationen weiterhin geheim zu halten, haben wir keine andere Wahl, als diesen Fall zum Aarhus Compliance Committee wegen Verletzung sowohl des Zugangs zur Information als auch der Säulen der öffentlichen Konsultation zu eskalieren. Wir sind zuversichtlich, dass Aarhus der rumänischen Justiz entgegen treten und sie berichtigen wird“, sagte Gabriel Paun von Agent Green.

Raising the Alarm for Romanian Forests from AGENT GREEN on Vimeo.

Aufdeckervideo: Rumäniens Staatforste beim illegalen Abholzen im Calimani Nationalpark erwischt

Europas letze alte Wälder in Rumänien werden von den rumänischen Staatforsten  Romsilva vorsätzlich und illegal zerstört. Zu diesem Schluss kommt ein neues Investigativ-Video, das  harte Beweise für großflächige und bedrückende Waldverwüstungen im Calimani Nationalpark in den Ostkarpaten mit drastischen Bildern vorlegt. Allein im Jahr 2017 wurden, laut inoffizieller Zahlen, rund 70.000 m3 Holz in dem Schutzgebiet abgeholzt. Dies entspricht etwa der Fläche von 200 ha Urwald mit Jahrhunderte alten Bäumen. 

„Die Situation im Calimani Nationalpark ist völlig außer Kontrolle geraten. Das Ausmaß der Misswirtschaft und Naturzerstörung, die von Romsilva betrieben werden, ist absolut inakzeptabel“ betonen Agent Green und die Stiftung EuroNatur. Sie fordern das rumänische Umweltministerium nachdrücklich auf Romsilva unverzüglich aus der Verwaltung von Schutzgebieten zu entlassen, den industriellen Holzeinschlag in Nationalparks zu stoppen und entschlossene Maßnahmen zur Rettung der größten urpsrünglichen Waldökosysteme der EU zu ergreifen.

Der Agent Green Ermittler und Journalist Andrei Ciurcanu besuchte den Calimani Nationalpark während mehrerer Untersuchungen in den Jahren 2017 und 2018. Er entdeckte skandalöse Verwüstungen inmitten des Nationalparks bzw. Natura 2000-Schutzgebietes: ausgedehnte Kahlschläge, brutal gebaute Forstwege und weithin verwüstete Landschaften. All dies ist direkt neben touristisch genutzten Wegen zu finden. Die Verantwortung für diese Katastrophe liegt bei Romsilva, die das Management des Nationalparks kontrolliert und die Forstwirtschaft im Nationalpark verwaltet.
 

OUT OF CONTROL #ep4 Calimani National Park von AGENT GREEN bei Vimeo.

Neben dem massiven Verlust von Bäumen zeigt das Aufdeckervideo auch, wie die Stämme brutal durch Flussbette geschliffen werden, was diese einst reinen Süßwasserökosysteme zerstört. Die Abholzung erstreckt sich über mehrere Quadratkilometer und ganze Bergketten sind nun kahl geschlagen.

Die Ranger der Nationalparks wissen von diesen illegalen Praktiken. Aber sie fürchten, ihren Job zu verlieren, wenn sie Geldbußen verhängen würden. Ein Förster, der nur unter Geheimhaltung seiner Identität spricht, gibt ein Beispiel für die Funktionsweise dieses bösartigen Systems: „Vor 20 Jahren, nach einem großen Windwurf, geschahen ´dunkle Machenschaften`. Romsilva versprach einer türkischen Firma große Holzlieferungen. Dann blockierten sie für fast zwei Jahre die Entfernung von Bäumen, die von Borkenkäfern befallenen waren. Dadurch konnte sich der Käferbefall massiv ausbreiten. Am Ende konnten sie doppelt so viel Holz ernten wie geplant.“ Dieses gigantische abgeholzte Gebiet ist immer noch eine enorme ökologische Wunde und der Wald wächst aufgrund der Größe des Kahlschlages nur sehr langsam nach. Es wird Jahrhunderte dauern, bis dort wieder ein ähnlich wertvoller Wald wächst.

Peter Abran war Mitglied des wissenschaftlichen Komitees des Nationalparks und Spezialist der dortigen Umweltbehörde. Er wusste von der Zerstörung und berichtet, dass er und andere Mitglieder aus dem Komitee entlassen wurden, nachdem sie sich gegen die Abholzungspläne im Park gestellt hatten. Bei einem Telefoninterviews mit Agent Green bestätigt Abran, dass die Abholzung in betreffenden Teilen des Parks illegal sind, da seit 2010 keine Umweltgenehmigung mehr erteilt wurde: „Romsilva hat den Wald im Nationalpark illegal ausgebeutet. Es gibt keine ministerielle Genehmigung für die Abholzungen.“

„Umweltministerin Gratiela Gavrilescu muss sofort handeln! Romsilva verhält sich wie der Totengräber unserer wertvollen Naturwälder. Diese Wälder sind unser Stolz und wichtig für sauberes Wasser, gute Luft sowie Erholung und sind entscheidend für das Überleben vieler bedrohter Arten. Der massive Holzeinschlag von Romsilva ist zu einer nationalen Sicherheitsbedrohung geworden. Daher muss Romsilva sofort aus dem Management von Schutzgebieten entlassen werden. Rumänien wird 2019 die EU-Präsidentschaft übernehmen. Der Schatten, den die Waldvernichtung auf das Land wirft, muss vorher behoben werden, um unserer Nation keine Schande zu bringen“, sagt Gabriel Paun, Präsident von Agent Green.

„Diese Waldtragödie in Rumänien wurde von vielen wichtigen Entscheidungsträgern viel zu lange nur beobachtet und ignoriert. Das ist derzeit die größte Naturschutzkrise in Europa. Der Klimawandel wird unsere Wälder zunehmend mit Dürren und Waldbränden treffen, wie wir es bereits im vergangenen Sommer erlebt haben. Deshalb müssen wir alle noch intakten Naturwälder erhalten! Wenige Wochen vor der UN-Klimakonferenz in Katowice fordern wir die EU und die Welt auf, sich mit Rumänien und seinen Wälder zu befassen und aktiv zu werden!“

Agent Green und EuroNatur fordern die rumänische Umweltministerin auf, den kommerziellen Holzeinschlag in Nationalparks unverzüglich einzustellen, Romsilva aus der Verwaltung von Nationalparks und anderen Schutzgebieten zu entlassen, moderne und naturschutzorientierte Managementsysteme einzuführen, angemessene Mittel für die ordnungsgemäße Verwaltung von Schutzgebieten (einschließlich Natura 2000-Gebieten) bereitzustellen und private Landbesitzer in Schutzgebieten für Naturschutzziele zu entschädigen.

Heute wurde eine neue Petition an die rumänische Premierministerin gestartet, die in der ersten Hälfte des Jahres 2019 die Präsidentschaft des EU-Rates übernehmen wird. Die Petition fordert sofortige Maßnahmen, um die Zerstörung der letzten großen Urwälder Europas in Rumänien zu stoppen. Die Unterschriften werden der rumänischen Regierung übergeben und der Europäischen Kommission und dem Europäischen Parlament übermittelt.

Hier geht es zur Petition!

Die Episoden #1, 2, and 3 der „Out of Control“-Serie können hier aufgerufen werden.

Journalist und Ermittler Andrei Ciurcanu im schwer verwundeten Calimani Nationalpark.
Verheerende Umweltzerstörung im Calimani Nationalpark.