Urwaldzerstörung in Rumänien

In keinem anderen europäischen Land ist noch so viel Urwald erhalten wie in Rumänien: Geschätzte zwei Drittel unserer letzten wilden Wälder finden sich in dem Karpatenland. 

Die anderen bedeutenden Urwaldreste Europas befinden sich vor allem in der Westukraine, in der Slowakei, in Polen, in Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Bulgarien, Kroatien oder in Slowenien.

90 Prozent der Urwälder Mitteleuropas haben in den Karpaten überlebt. Der Anteil der Alpen am europäischen Urwalderbe beträgt kümmerliche 0,4 Prozent. Die meisten Primärwälder Mitteleuropas sind Buchen- und Buchenmischwälder. 

Im „Urwald-Hotspot“ Rumänien waren laut einer Wald-Inventur im Jahr 2005 noch 218.000 Hektar (Biris und Seen, 2005) übrig. Es gibt aber Hinweise dafür, dass etliche Forstverwaltungen damals für die Studie nicht alle tatsächlich existierenden Urwälder gemeldet wurden. Also gab es 2005 wahrscheinlich noch mehr Urwald. 

Seit 2005 wurden in Rumänien jedoch riesige Waldflächen vernichtet – auch in den seinerzeit von der Biris -Studie erfassten Urwäldern. Wieviel von Rumäniens Urwaldschatz heute noch übrig ist, weiß im Moment niemand. Es gibt keine soliden Daten. 

Urwald-Vernichtung in Schutzgebieten

In sämtlichen National- und Naturparken Rumäniens wurde und wird, teilweise äußerst brutal, abgeholzt. Die rumänischen Natura-2000 Schutzgebiete sind sogar Brennpunkte der profitorientierten Forstwirtschaft. Urwaldbestände werden kaum geschont. 

Domogled National Park, Romania - May 2016: Ancient forest in the southern Carpathians. Logging is happening right at the center of the National Park.
Abholzung eines alten Buchenwaldes – mitten im Domogled Nationalpark.

Nach den Kriterien der Weltnaturschutzorganisation IUCN sollten in Nationalparken auf 75% der Fläche streng geschützte Naturzonen ohne jegliche Nutzung eingerichtet werden. In Rumänien erreicht nur ein Nationalpark diesen Wert. In allen anderen Nationalparks wird auf bis zu zwei Drittel der Fläche kommerziell abgeholzt. Die weltweiten Standards werden ignoriert. 

Verantwortlich für die Zerstörung der Wälder in den Parken ist vor allem die staatliche, rumänischen Forstverwaltung “Romsilva”. Sie ist für das Management von fast allen National- und Naturparken verantwortlich und finanziert diese. Es gibt keine staatlichen Zuwendungen für die Parke. Daher steht “Romsilva” offenbar auf dem Standpunkt, dass es auch Einnahmen durch Abholzungen in Schutzgebieten braucht. Also wird auch in Nationalparks massiv abholzt. Und so schauen die Nationalparke auch aus: in einem Großteil der Nationalparke wird kommerzielle Forstwirtschaft betrieben. Riesige Flächen wertvollster Wälder gingen auf diese Weise in den letzten Jahrzehnten verloren. 

In den Naturparken (und Natura 2000-Gebieten) “Apuseni” und “Maramures” oder im Fagaras-Gebirge sind die Spuren der Waldverwüstung besonders schockierend. Hier wurden ganze Bergrücken und Täler regelrecht entwaldet. Die Lebensräume für seltene und streng geschützte Tiere wie das Auerhuhn wurde auf diese Weise großflächig vernichtet. 

Statt der Naturwälder breiten sich nun mitunter hunderte Hektar große Kahlflächen aus. Wo die Wälder fehlen, gefährden aber Fluten, Muren und Lawinen die Täler, ihre Siedlungen und Verkehrswege. Die frühere Umweltministerin Carmen Palmer sagte bei einer Waldkonferenz in Bukarest im Februar 2016: “Der rumänische Wald hat Krebs”. 

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Völlig kahl geschlagener Gebirgsrücken, Natura 2000-Gebiet Fagaras.

Das Tal der geplanten UNESCO-Welterbestätte bei Sinca im rumänischen Fagaras-Gebirge war noch vor wenigen Jahren zum größten Teil von traumhaften Urwäldern bedeckt. Einige der größten Tannen Rumäniens wachsen hier. Leider wurde nur ein kleiner Teil des etwa 1000 ha großen Urwaldgebietes als UNESCO-Welterbezone nominiert. 

Obwohl Holzeinschlag in registrierten und intakten Urwäldern seit einer Ministerverordnung (Nr. 3397) seit dem Jahr 2012 nicht mehr zulässig ist, wurde der prächtige Urwald im hinteren Teil des Sinca-Tales seit 2013 sukzessive gerodet. Jetzt das Tal samt seiner Seitenbäche teilweise durch brutale Forststrassen verwüstet und der alte Wald hat fast überall braune Löcher bekommen. Da halfen auch keine Anzeigen durch die Umweltschützer der rumänischen NGO Agent Green. Die Behörden stoppten die Abholzungen bis heute nicht. 

Doch das traurige Beispiel von Sinca ist aber kein Einzelfall: Auch rund um das geplante UNESCO-Reservat Iauna Craiova im Domogled-Valea Cernei Nationalpark wird Urwald zerstört – mitten im Nationalpark. Ganze Hänge wurden in den letzten 10-15 Jahren kahlgeschlagen. Und es wird weiter abgeholzt. Schwere Forstmaschinen haben die Waldböden aufgerissen und dem sensiblen, seit Tausenden von Jahren ungestörten Ökosystem schwere Wunden zugefügt… 

Noch schlimmer ist die Situation in vielen Natura-2000-Gebieten: In den Europaschutzgebieten  wie Apuseni, Maramures, Fagaras oder Someşul Rece. Da wurden ganze Bergrücken und Gebirgs-Täler völlig entwaldet. 

Borkenkäfer-Invasion und Landraub 

Als Begründungen für diese riesigen Abholzungen wurden in vielen Fällen angebliche Borkenkäfer-Invasionen vorgeschoben. Analysen von Satellitenbildern zeigen aber, dass dies nicht in diesem Ausmaß zutrifft. Rund um die „Käfernester“ klaffen jetzt riesige Wunden im Wald. Rumänische Experten und Umweltschützer werfen den Behörden vor, diesem katastrophalen Raubbau tatenlos zugesehen zu haben. Korruptionsvorwürfe stehen im Raum. 

Einen traurigen Höhepunkt erreichte der Waldfrevel in den Jahren 2000 bis 2010 im Zuge der Restitution von Waldflächen, die nach 1950 von den Kommunisten zwangsverstaatlicht worden waren. Es kursieren Schätzungen, wonach die Hälfte der Rückerstattungen an private Eigner mit gefälschten Papieren erschlichen wurden und somit illegal erfolgten. In den Jahren nach der Jahrtausendwende sei es eine Art Breitensport gewesen, sich mit gefälschten Papieren und Bestechung unrechtmäßig Waldflächen zu ergattern. Diese geraubten Wälder wurden in vielen Fällen möglichst rasch zu Geld gemacht – und rücksichtslos umgeschnitten. Die Folge: Entwaldete Berge und Täler, schutzlos der Erosion preisgegeben.

Ignorierte Gesetze

Im September 2012 beschloss die rumänische Regierung (nach einer Unterschriftenkampagne durch den WWF), eine Verordnung zum besseren Urwaldschutz. Die besagt, dass ein “Nationaler Katalog der Urwälder” erstellt werden soll und dass intakte Urwälder, die im Zuge der Urwald -Erhebung im Jahr 2005 registriert worden waren, nicht abgeholzt werden dürfen. Ausnahmen werden nur erteilt, wenn das zuständige Forstinspektorat feststellt, dass die Urwälder bereits degradiert wurden und die Kriterien nicht mehr erfüllen. Dies gilt auch für Wälder, die im 10-jährigen Wald-Managementplan für die Holzernte freigegeben wurde.

Doch es kam anders: Analysen von Satelliten-Bilder und Vor-Ort-Recherchen zeigen, dass auch nach 2012 weiter in vielen registrierten Urwaldgebieten geholzt wurde. Die Verordnung wurde von Waldbesitzern, Forstverwaltungen und Behörden also offenbar vielfach ignoriert. 

SaveParadiseForests - Romania
Illegale Holzbringung im Bach. Registrierter Urwald im Natura 2000-Gebiet Fagaras. Foto: (c) Agent Green

Rumänische Experten berichten, dass sich zahlreiche kommunale und private Waldbesitzer weigerten, die Verordnung umzusetzen, weil sie keine Abgeltungen für den Nutzungsentgang erhielten. Rumänische Insider versichern, dass dabei wohl auch Korruption im Spiel ist.  

Agent Green, EuroNatur und andere NGOs fordern daher von der rumänischen Regierung, ausreichend Mittel für die Entschädigung von privaten und kommunalen Waldeigentümern zur Verfügung zu stellen, um den Raubbau an den verbliebenen Urwälder zu stoppen. Urwälder im Staatsbesitz müssen von der Regierung per Dekret unter Schutz gestellt und die Behörden zu einer strengeren Überwachung der Gesetze angehalten werden.

Der deutsche Ökologe und Naturschützer Prof. Dr. Hans Dieter Knapp bezeichnete die Zustände in der rumänischen Forstwirtschaft nach einem Lokalaugenschein im Mai 2015 sogar als „Dracula System“

Hürden am Weg zum „Nationalen Katalog der Urwälder“

Im Jahr 2012 beschloss die rumänische Regierung einen „Nationalen Katalog der Urwälder“ einzurichten und die Urwälder unter Schutz zu stellen. Für den „Katalog“ müssen Urwald-Verdachtsflächen wissenschaftlich dokumentiert und durch zugelassene Experten bei den Behörden gemeldet werden. Diese Arbeit wird derzeit ausschließlich von Naturschutzorganisationen und einigen, mit ihnen kooperierenden Wissenschaftlern, durchgeführt. 

Nach Schätzungen verschiedenen dürfte es in Rumänien noch mehr als 100.000 Hektar Urwald geben. Kein anderes EU-Land kann noch so einen Naturschutz vorweisen.
Davon ist jedoch weniger als ein Drittel bis dato wirksam geschützt. Jede Minute verliert Rumänien (und die Welt) weitere unwiederbringliche Urwaldgebiete… 

Fagaras Natura 2000 Site, Romania - July 2016: Ancient forest and logging in the southern Carpathians.
Fagaras-Berge: Zur Abholzung markierte Alt-Buchen im registrierten Urwald.

Die Umweltverbände bemühen sich daher verzweifelt, möglichst viele dieser Flächen zu begehen, zu dokumentieren, die nötigen Studien zu erstellen und sie den Forstinspektoren zu melden – bevor die Holzfäller sie zerstören können.  

Diese Studien müssen nachweisen, dass die betreffenden Wälder den strengen Urwaldkriterien entsprechen, penibel Besitzer und Waldparzellen anführen und von zugelassenen Gutachtern unterschrieben eingebracht werden.   Die von der Regierung vorgegebenen Kriterien für den „Urwald-Katalog“ sind überaus streng: Wenn in einem Wald ein paar Bäume fehlen oder die intakte Urwald-Fläche weniger als 20 Hektar umfasst, dann entspricht das nicht mehr den „Urwald-Kriterien“. 
Ein leichtes Spiel für Holzfäller: Sie brauchen nur schnell ein paar Bäume umzuschneiden oder mit einem Bagger einen Weg in den Wald zu graben. Schon ist der Wald für den Urwald-Katalog verloren – und die Motorsägen dürfen angeworfen werden… 

Die Erstellung des „Urwaldkatalogs“ ist also ein Wettlauf  gegen die Zeit: Während Naturschützer und Experten eilig Urwald um Urwald abklappern und Papiere darüber verfassen, sägen Waldbesitzer und Schlägerungsfirmen zur gleichen Zeit auf Teufel komm raus die rasch noch viele dicke Bäume um.  

Das passiert teilweise mit extremer Brutalität: Baggern wühlen sich einfach wild durch die Waldhänge oder begradigen Gebirgsbäche, um „Straßen“ für den Holzabtransport zu errichten. Statt der zuvor glasklaren Waldbäche strömt dann eine schlammige Brühe zu Tal, die Fische tötet und das Trinkwasser verseucht.  

Romania - Ancient forest in Sincasoara Valley
Durch Waldverwüstung verschlammter Bach. Natura 2000-Gebiet Fagaras.

Amtliche Boykott-Aktionen 

Im Jahr 2016 gab es etliche Berichte, dass Forstverwaltungen und -Behörden die Bemühungen von NGOs und Experten für den Urwald-Katalog immer wieder torpedierten:
Im Herbst 2016 meldete Agent Green mehr als 1926,26  Hektar Urwaldflächen an die jeweils zuständigen Forstbehörden. Darin steckte die Arbeit eines ganzen Sommers: Ein Experten-Team war wochenlang von Urwald zu Urwald gehastet, um schneller als die Motorsägen zu sein. Die Studien wurden fristgerecht vor dem 1. Oktober übermittelt. Zwischen Oktober und März werden nämlich keine Urwald-Studien von den Behörden akzeptiert. Die Abholzungen gehen im Winter 2016 freilich weiter – der gefrorene Boden bietet Vorteile für die schweren Maschinen. 

Doch die Forstinspektorate ignorierten die Studien von Agent Green schlichtweg: Die 5-Wochen-Frist für die vorgesehenen Wald-Begutachtungen verstrich ohne Reaktion der Forstaufseher. Bedingt durch das (ungesetzliche) Schweigen der Behörden, wurden die wertvollen Wälder nicht in den Urwald-Katalog aufgenommen – und somit nicht unter Schutz gestellt. Auch andere NGO’s berichteten von Blockadeaktionen und Hindernissen seitens staatlicher Forstverwalter und Forst-Beamter: Nutzungsinteressen stehen offenbar im Vordergrund. 

Ein internationales Wissenschaftler-Team rund um Prof. Miroslav Swoboda (Prag) beforscht seit vielen Jahren verschiedene Urwälder in Rumänien (und in anderen EU-Ländern). Doch selbst ihre Untersuchungsgebiete drohen zerstört zu werden. Deshalb schickten die Forscher im Jahr 2015 einen dringenden Brief an die Regierung – mit der dringenden Bitte zumindest diese für die Wissenschaft unersetzlichen Wälder zu bewahren. Die Abholzungen gingen aber ungerührt weiter. In Zusammenarbeit mit rumänischen Gutachtern wollten die renommierten Wissenschaftler die Urwälder im Fagaras-Gebirge und anderen Karpatenteilen sodann in den Urwald-Katalog einmelden. Doch daraus wurde (vorerst) nichts: Die zuständigen Forstbeamten rückten die jeweiligen Forstkarten nicht heraus. Die Studien konnten nicht bis zum 1. Oktober abgeschickt werden. Mit auf der Liste: International bedeutende Urwald-Juwelen wie Boia Mica und Arpaselu…   

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Trotz Experten-Gutachten noch immer ungeschützt: Urwald im Ucea Mare-Tal.